Dem Ausdruck DISPOSITION wohnt eine ganze Reihe von Bedeutungen inne: „Anordnung– Disposition“, aber auch „Charakter“, „Gesinnung“, „Stimmung“, „Laune“ sowie „Zustand“. Plastiken, Zeichnungen, Zeichnungs-Objekte wie auch die Videoinstallation in der Ausstellung darstellenden Charakters konstituieren ihre reale Existenz in den Galerieräumlichkeiten durch eine lebendige Struktur, die auf spezifischen semantischen Verbindungen von Körperlichkeit sowie Psyche beruht. Eigentlich scheinen sie, sich gleichzeitig viel mehr auf einen Raum außerhalb ihrer selbst, in dem die Inhalte realisiert werden und in dem sich eine dialogische Relativität auf mehreren Ebenen abspielt, zu beziehen. Auf diese Weise lenken sie unsere Aufmerksamkeit auf externe Zwischenräume, in denen unter anderem auch „innerliche“ Räume sichtbar werden.
Die Plastiken von ONDŘEJ FILÍPEK (geb. 1993) drücken hauptsächlich den Raum der Menschlichkeit aus, und zwar indem sie auf ihre gegenwärtige Deformation verweisen. Der Ausdruck plastischer Weichheit abgeschlossener, abgerundeter Formen vergegenwärtigt die Bedeutungen von Schutz, Entblößung, Geradlinigkeit. Industrielle und organische Formen überschneiden sich dergestalt, dass es unmöglich ist, ihre Grenzen zu identifizieren. Ondřej Filípek arbeitet mit der Metapher der Ruhigstellung der Figur, die eine statische mentale Position illustriert. Der Torso-Charakter der Figuren, der Ersatz der Gliedmaße durch Prothesen, die völlige Absenz der menschlichen Gesichter oder die Eliminierung ihrer individualisierten Wesenszüge hebt stark die Bedeutung der Unmöglichkeit einer adäquaten Reaktion auf eine vermutete destruktive Situation hervor. Der Ausdruck der Ruhigstellung visualisiert auch die Verbindung der Figuren mit dem Sockel, wobei die Farbe die Bedeutung der psychischen Immersion akzentuiert. Die Kombination von Gips und Wachsoberfläche macht den Eindruck einer lebendigen weichen Masse (Materie) in einer gewissen undeutlichen Passivität.
STELLA GEPPERT (geb. 1967) interessiert sich für die Transzendenz der menschlichen Körperlichkeit jenseits des materiellen Körpers, die man nur in einem gewissen zweiten Moment erfahren kann, wenn man gängige Bewegungsmuster unterbricht oder verändert. Sie nimmt die Oberfläche des menschlichen Körpers als Membran wahr, die die extreme Sensibilität des menschlichen Wesens ermöglicht, die also gleichzeitig auch seine Zerbrechlichkeit verursacht. Sie respektiert die Form der Wirklichkeit des menschlichen Wesens in seinen Bewegungen und in seiner Umgebung, also in seiner ständigen Relativität, sie nimmt es, das menschliche Wesen, aber sozusagen durchlässig wahr. Sie akzentuiert die Zwischenräume, in die durch Bewegungsaktionen Informationen über gegenseitige Kommunikation von Körpern eingetragen werden. Sie registriert Energiezustände des Körpers und die Möglichkeit, diesen zu folgen oder diese in eine Introversion oder nach außen zu transformieren. Sie interessiert sich für die Möglichkeit, mentale Aktivität in körperliche Aktivität und nonverbale Kommunikation von Körpern zu projizieren. Sie arbeitet mit sensorischen Fähigkeiten des Körpers, der selbst in den Raum, andere Körper, Materialien und Substanzen „hineindenkt“. Die Vorgänge in Zwischenräumen, gegenseitige Resonanzen macht sie durch Berührung auf zeichnerische oder bildhauerische Art sichtbar. Im Grunde handelt es sich um ein konzeptionell begriffenes „Denken mit Hilfe von Skulptur“, um eine extrem empfindliche Erkundung (Mapping) der Durchlässigkeit des individuellen und sozialen Raumes. In gewisser Weise begreift sie dadurch ihre Arbeit „politisch“.
Es liegt auf der Hand, dass die derzeitigen wissenschaftlichen Bemühungen, das Geheimnis der gegenseitigen Verflechtung zwischen Körper, Seele und Geist zu dekuvrieren, dafürsprechen, die Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz maximal auszunutzen. Die Werke von Stella Geppert und Ondřej Filípek unterstützen dieses Interesse jedoch nicht; im Gegenteil, sie heben sich quasi aus der ganzheitlichen Qualität des individuellen Raums des menschlichen Wesens hervor, sie verbinden mentale, emotionale, physische Ebenen usw. miteinander. Ihre Arbeiten öffnen einen Raum, in dem es möglich ist, die Intelligenz der perfekten Kooperation der genannten Ebenen zu erfahren, sie unterstützen eine bewusste Sensibilität, die erleben und so in die Essenz unseres Daseins gleichzeitig durch sich selbst und in der Interaktion mit der gesamten Umwelt hineinsehen würde.
Anmerkung: Die Beschreibung der Werke von Stella Geppert basiert größtenteils auf den Interviews mit der Autorin.