Past exhibitions
That Dreams of Awakening
In der Dramaturgie der Galerie Kabinett T. erscheint ein ausländischer Autor nicht zum ersten Mal. Die Ausstellung von Matthias Hesselbacher ist in diesem Jahr bereits das vierte außerhalb des Landes zielende Projekt. Es sind die Erbschaft der Brünner Galerie "NA BIDÝLKU" und das Fortsetzen des Vermächtnisses von Karl Tutsch, ausdrucksvolle Persönlichkeiten und neue Autoren unserer Szene vorzustellen und ihr Kunstwerk durch Ausstellungen der ausländischen Künstler in den Kontext der aktuellen mitteleuropäischen Kunst einzureihen.
Eine weitere Ähnlichkeit mit der Brünner Legende ist ebenfalls in der Beliebtheit eines der Zentren der zeitgenössischen Kunst, Berlin, zu finden, was die Stadt zweifellos auch ist. Die Galeristin Lenka Tutschova hat dort eine Reihe von Ateliers besucht und wurde vor eine schwere Aufgabe gestellt, wen von den Künstlern in Zlín vorzustellen. Es ist gleichermaßen riskant als auch zu erwarten, dass sie als eines der Kriterien eine bestimmte Fremdartigkeit im Bezug auf das aktuelle Geschehen auf unserer Szene gewählt hat.
Das Kunstwerk des deutschen Künstlers Matthias Hesselbacher (geb.1979) ähnelt demjenigen nicht besonders, was wir in unseren Galerien zu sehen bekommen. Der Unterschied besteht jedoch nicht im Medium. Die Gemälde werden nach wie vor und die Collagen wenigstens in den letzten Jahren respektiert und wurden zu üblichen Ausdrucksmitteln. Der Unterschied besteht vor allem im Thema, in seiner proklamierten Tiefe und Offenheit, durch die Matthias Hesselbacher dieses Thema darstellt. Dies ist auf der tschechischen Szene nicht besonders oft zu sehen. Auch viel einfachere Themen stellen wir lieber mit einem Satz vor, und gleichzeitig werten wir sie ab. Wichtig ist für uns ein entsprechender Abstand. Wann wurden zulezt von uns Antworten auf folgende Fragen gesucht, nach der Generation Sursum, der katholischen Moderne oder dem Wahrnehmen des inneren Lichts von Malich: "Gibt es einen Grund, warum die Welt besteht? Warum wird sie gerade so organisiert, wie sie es ist? Gibt es Gott? Und wenn schon, was wissen wir von ihm/ihr?" Solche Grübeleien sind in der Kunst eher den außerhalb der Profikunst stehenden Autoren vorbehalten. Solche mystischen Fragen oder New Age können irgendwo im Hintergrund stehen, beim Entstehen des Kunstwerks, müssen jedoch gut verborgen bleiben.
In den ausgestellten aus dem Zyklus Trans (2013) stammenden Gemälden sucht Matthias die Essenz der romanischen und gotischen Kunst. In welcher anderer Epoche war übrigens das Suchen nach der"metafysischen Substanz"so wichtig? Er abstrahiert so eingehend, dass nur wenigen von den Zuschauern auf den ersten Blick diese Verbindung einfällt. Auf den größeren Bildern sind lapidare Linien geblieben, die nur ausnahmsweise konkrete Formen andeuten. Diese wörtlich archetypischen/urbildlichen Symbole erscheinen übrigens in den Werken von Matthias in der letzten Zeit oft. Von den am besten leserlichen können zum Beispiel Spiralen, Mandorlen oder Hörner genannt werden. Diese Symbole sind quer durch Kulturen, von der prähistorischen Kunst über die Kunst der untergegangenen Zivilisationen bis zur heutigen Kunst zu finden. Egal ob in derjenigen, der wir in den Galerien begegnen, oder der, die außerhalb der institutionalisierten Welt der zeitgenössischen Kunst entsteht. Beide stehen uns näher als die bekanntesten Werke der Renaissance oder des Impressionismus.
Beim künstlerischen Schaffen seiner Bilder dieses Zyklus hat Matthias absichtlich experimentiert, mit den Veränderungen des Bewusstseins durch die einfachste und dabei sehr wirksame Methode der Schlafaufschiebung. Höchstwahrscheinlich arbeitet er eben deshalb mit den Symbolen gleichzeitig ganz natürlich, automatisch. Als wenn der Schamane bei den verschiedensten Ritualen in den Sand, die Asche oder an die menschlichen Körper zeichnet. Auf der anderen Seite sehen wir uns im Falle der Gemälde in der Galerie Kabinett T. ein Wandbild, Farbe auf der Leinwand an, und dadurch wird das natürliche Kunstschaffen im Wesentlichen eingeschränkt. Die Energie bleibt im Rechteck gefangen. Auch die Komposition und die Farbdarstellung sind sachverständiger, als auf den ersten Blick zu sehen scheint. Die Gemälde entstehen in einer der kulturreichsten Metropolen der Welt. Die Kunstgeschichte kennt selbstverständlich eine ganze Menge Autoren, die versuchen, sich vom Ballast zu befreien, den gerade Kultur und Zivilisation mit sich bringen. Die Bedürfnis, zu etwas Reinem zurück zu kommen, was aktuell nicht mehr zu finden ist, ist für sie magisch. Manchmal suchen sie in einer Geschichte Kunst, manchmal überschreiten sie ihre Grenze. Wir brauchen uns nicht nur in der Spirale zu bewegen, die zum Surrealismus, zu verschiedenen Formen des abstrakten Expressionismus oder zum Informell führt.
Die Bilder mit den von den mittelalterlichen Gemälden abstrahierten Symbolen sind , wie gesagt wurde, hinsichtlich der Gestaltung ganz traditionell. Auf der Ausstellung sind daneben die verschiedensten Dekonstruktionsstufen eines Bildes zu beobachten. Durchgeführt durch Collagenschichtung, Leinwandperformation mit Metallklammern oder direkt durch Gemäldeschneiden.
Ich habe den Surrealismus erwähnt, obwohl Matthias' Kunstschaffen unmittelbar daraus nicht ausgeht. Vor allem die Form der Collagen kann viel mehr auf den Dadaismus hinweisen. Die surrealistischen Methoden sind bei ihm so selbstverständlich, wie bei jedem, der sich mit Kunst befasst, dass sie allein für ihn zu Archetypen werden und seine Archäologie der Kunstgeschichte natürlich ergänzen. Es sind eben seine dimensionalen Collagen aus dem letzten Jahr, in denen es ihm gelingt, der Umklammerung des Kartesischen Koordinatensystems, dem rechten Winkel und der dadurch begrenzten Fläche zu entgehen. Er bildet opulente Drusen aus verschiedenen Bildmaterialien, Zeitungsausschnitten, Zeitschriften, Xerokopien, und auch aus den eigenen Gemälden. In diesen Collagen, an den "überständigen" Wandzeitungen akzeleriert seine Besessenheit von der Kunstgeschichte. Neben den oben erwähnten Symbolen gibt es hier eine ganze Reihe weiterer, manchmal auch offen errotisch gestimmter Symbole. Im Gegensatz zu den ein bisschen älteren Collagen aus den Jahren 2012-13, die ordentlich adjustiert, verglast und eingerahmt sind, wachsen diese neuen die Formen und Bilder über. Bei einigen lässt er eine nackte Konstruktion, die eigentlich das eigene Bild ist, also die Farbe und die Leinwand im Blindrahmen. Im "Vernichten" des Bildes durch die energischen Schnitte ist die Bedürfnis zu spüren, sich mit dem Kunstschaffen von Lucia Fontana auseinander zu setzen. Mit dieser Geste geht die Ähnlichkeit nicht zu Ende. Matthias betont die Objekthaftigkeit/Dreidimensionalität dieser Collagen und ähnlich wie Fontana seit dem Weißen Manifest (1946) beseitigt/behebt er die Grenze zwischen dem Bild und der Statue.
Das Material der explodierenden Altäre ist eigentlich sehr neutral. Die oben erwähnten erotischen Hinweise stellen keusche Modells oder die mit einem Kopiergerät vermehrten Frauenbrüste dar. Es ist jedoch ziemlich schwierig zu entdecken, dass die Kreisobjekte gerade die Frauenbrüste darstellen, infolge dem benutzten klassischen schwarz-weißen Kopiergerät. Einen großen Teil der Collagen wird durch den Restmaterial gebildet. Die Seiten der Zeitschriften ohne Bilder, was noch mehr Reizbarkeit erweckt.
Ein wichtiges Element der Collagen bildet die vorprogrammierte Zeitlosigkeit. Das gefundene von ihm benutzte Material sieht eben so alt, weil es nicht aktuell ist. Möglicherweise handelt es sich um eine masochistische Ausnutzung der aus seiner Jugend stammenden Zeitschriftensammlung, vielleicht hat sie Matthias nur zufällig gefunden. Da wir seine Bilder nicht zeitgemäß einreihen können, heißt es bei weitem nicht, dass sie alt sind. Matthias arbeitet mit der Patina sehr geschickt, sowie bei den Collagen als auch bei den ausgestellten Drucken und Gemälden. Solche Form passt übrigens zu den überzeitlichen Themen, mit denen er sich befasst, auf jeden Fall sehr gut. Matthias bleibt mit einem Fuß in unserer Welt, mit dem anderen schreitet er in die Richtung/dorthin, wo er die Antworten auf seine Fragen bekommen kann. Er weiß seine Grübelei über die wichtigsten Fragen des menschlichen Daseins/der menschlichen Existenz in seinen effektvollen Bildern zu verbergen, die er mit einer aktuellen plastischen Sprache verarbeitet.
Martin Fišr